Home > Material > Texte > Redebeitrag “Rojava muss leben!” |13.10.2014 | Jena
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Die Lage ist dramatisch. Sehr dramatisch. Was in jahrelanger Arbeit im Norden von Syrien aufgebaut wurde, ist nun akut bedroht. Kobanê ist nach unterschiedlichsten Meldungen schon zu 50% besetzt. Der IS führt immer wieder neue Kämpfer und Waffen heran. Die Verteidigerinnen und Verteidiger kämpfen mit ihren leichten Waffen verzweifelt um jeden Meter der Stadt, doch stehen sie einer besser ausgerüsteten Übermacht des IS entgegen. Schwere Waffen, Panzer, Nachtsichtgeräte, Nachschub – all das fehlt den tapferen Menschen, die Kobanê und auch andere Städte gegen den IS verteidigen.

Doch diese Menschen verteidigen nicht nur sich selbst, ihre Familien und die ihrer Nachbar*innen – sie verteidigen ein ganzes revolutionäres Projekt. Eine Idee. Die Idee einer besseren Welt. Ein Projekt der Emanzipation von Frauen. Ein Projekt von politischer und wirtschaftlicher Demokratie. Ein Projekt der Selbstverwaltung, jenseits nationaler, ethnischer oder religiöser Grenzen. So sind es nicht nur die Kurdinnen und Kurden die Teil dieses Projektes sind. Viele unterschiedliche Menschen organisieren sich dort gleichberechtigt – denn es ist ein inklusives Projekt für den gesamten Nahen Osten – nicht allein für die Befreiung der Kurdinnen und Kurden.
Eine herausragende Leistung wie wir finden und dies in einer Umgebung, die geprägt ist von Despotismus, von Clans und theokratischem Faschismus. Und eigentlich ist es schon dramatisch genug, dass es der Belagerung und der Barbarei des IS bedarf, damit allein auch die Linke weltweit Notiz von diesem Projekt nimmt.

Dies wäre jedoch nicht halb so schlimm, hätte sich die Lage in den letzten Monaten, Wochen und Tagen nicht derart dramatisch zugespitzt. Bisher gelang es vor allem den Volksverteidigungseinheiten YPG, die Mörderbanden des IS zurückzuhalten und die eigenen Gebiete und Städte zu verteidigen. Mehr noch: Sie eilten gemeinsam mit der PKK Guerilla HPG den Yesiden in Shengal und den Peshmergas im Irak zu Hilfe.
Doch in Kobanê mussten sie dem Druck der Angriffe des IS in letzter Zeit Stück für Stück weichen. Vor allem weil die Kämpfer des IS nunmehr auch vermehrt schwere Waffen und Panzer ins Feld führen konnten. Weil für sie die Grenze zur Türkei offen stand und steht. Weil sie sich der Versorgung in türkischen Krankenhäusern sicher sein konnten. Genauso wie ihr Handel, u.a. auch mit versklavten Menschen von der Türkei toleriert wurde und wird.
Die tapferen Verteidiger*innen Kobanês hingegen, standen im Prinzip schon immer mit dem Rücken zur Wand. Für sie war die türkische Grenze schon immer verschlossen. Mitunter wurden Flüchtlinge und Kämpfer*innen von türkischen Sicherheitskräften sogar mit Tränengas und Knüppeln empfangen. Und auch jetzt, wo tausende Menschen in der Türkei auf die Straße gehen, machen türkische Faschisten und Islamisten, gemeinsam mit der Polizei, Jagd auf Kurdinnen und Kurden und türkische Linke. Menschen verschwinden nach ihrer Verschleppung spurlos. Bisher ist die Rede von ca. 30-40 toten Demonstrant*innen in der Türkei. Und die Lage wird noch dramatischer – denn die Welt schweigt.

Nicht nur das, es scheint sogar so, als wolle wirklich niemand den Menschen dort zu Hilfe kommen. Ein erfolgreiches linkes Projekt der Selbstverwaltung soll es wohl einfach nicht geben. Deutschland tut sich mit einer Unterstützung nicht nur schwer – es verhindert sie sogar. Auch hierzulande wird die PKK immer noch als Terrororganisation geführt. Trotz Waffenstillstand und dem Konzept des demokratischen Konföderalismus. Und auch Deutschland schweigt zum Vorgehen Erdogans und seiner AKP Regierung. Diese ist der eigentliche Unterstützer des Terrors.

Auf die Türkei muss größtmöglicher internationaler Druck ausgeübt werden. Sie muss sofort jede direkte und indirekte Unterstützung des IS unterlassen. Sie muss sofort jede direkte oder indirekte Kooperation mit faschistischen Kräften, gegen die türkische Linke wie auch die Kurdinnen und Kurden einstellen. Sie muss sofort einen Korridor zur Unterstützung und Versorgung der Volksverteidigungseinheiten YPG frei geben.
Das man sich bei diesem Kampf höchst wahrscheinlich weder auf die NATO noch andere staatliche Kräfte verlassen kann, dass sollten die letzten Wochen gezeigt haben. Zwar ist jede Bombe, die IS Kämpfer stoppt ihren mörderischen Plan umzusetzen, gold-wert – doch die US-Administration ist ehrlich, wenn es um Kobanê geht, sie sagt: Hier werde der Kampf gegen IS nicht gewonnen. Man setze gegen Assad und IS vielmehr auf die Freie Syrische Armee und die Peshmergas des irak-kurdischen Machthabers Barsani. Daher sollten wir uns nicht auf das Eingreifen internationaler Truppen verlassen.
Erst recht die Türkei soll sich unterstehen, auch nur einen Panzer in selbst-verwaltetes Gebiet rollen zu lassen, denn sie sorgt sich nur um die eigenen Interessen und bei diesen stehen PKK, YPG, PYD und andere Gruppen noch weit vor dem IS auf der Abschussliste. Erdogan sagt es sogar öffentlich: PKK und IS sind für ihn in gleichem Maße Terroristen.

Doch all dies hat die tapferen Verteidiger*innen der YPG nicht zum Verzweifeln gebracht. Sie verteidigen weiterhin ihr Leben und ihre Freiheit, mit all den bescheidenen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Für diesen mutigen Einsatz gebührt ihnen unser vollster Respekt und unsere absolute Solidarität – denn ihr Kampf ist oder sollte auch, unser Kampf sein. Ein Kampf für Emanzipation, Demokratie und Freiheit. Allein deshalb sind wir es ihnen schuldig, alles uns mögliche für ihre Unterstützung zu tun. Ihr Kampf und ihr Mut darf nicht umsonst gewesen sein. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass eine Unterstützung für das Projekt in Rojava und anderswo auch aus unseren Kreisen mit-organisiert werden kann. Z.B. durch Spenden und das Ermöglichen von effektiverer Unterstützung für die Genoss*innen vor Ort. Doch eine direkte Unterstützung ist schwierig, besonders durch das PKK Verbot.

Deshalb:

– Weg mit dem PKK Verbot! Sofort!

– Politischen Druck auf die Türkei aufbauen! Die Förderung von Terroristen und Faschisten ist nicht hinnehmbar!

– Vollste Solidarität mit den Volksverteidigungseinheiten YPG und der “Partei der Demokratischen Union” PYD!

Halt Stand Kobanê – halt Stand freies Kurdistan!
Für die Freiheit und für das Leben!